Politiker und Investoren hypen Kernfusion als Technologie, um die Klimakrise zu lösen.
Es ist wirklich eine ziemlich geile Technologie.
Leider ist sie in der Klimakrise nutzlos.
Dass es absehbar kein funktionierendes Fusionskraftwerk gibt, ist nicht mal das größte Problem.
Denn auch wenn es das gäbe, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es eigentlich niemand so richtig braucht.
Fusionsenergie wäre von Beginn an eine sehr teure, vielleicht sogar die teuerste Energieform, die wir kennen.
Mit €80 - 130 für die Megawattstunde rechnen Studien aktuell.
Zum Vergleich: 2040 werden Solarkraftwerke in Deutschland inklusive Speicher laut Fraunhofer für €60 die Megawattstunde liefern können.
Man könnte sagen: Dafür könnten Fusionskraftwerke aber rund um die Uhr Strom liefern!
Richtig.
Aber dass sie das könnten, ist gar nicht mehr so wichtig für unser Energiesystem, wie es noch im letzten Jahrhundert gewesen wäre.
Früher brauchten wir „Grundlast“, Strom rund um die Uhr.
Heute brauchen wir Kraftwerke, die einspringen können, wenn Solar und Wind nicht genug liefern.
„Flexibilität“ suchen wir. Den Job übernehmen heute Gas und Kohle.
Theoretisch könnten auch Fusionskraftwerke ihre Leistung entsprechend abregeln und hochfahren.
Aber wer baut für mindestens €20 Milliarden ein Kraftwerk, um es dann mit halber Leistung laufen zu lassen?
Das ergibt keinen Sinn.
Für Fusionskraftwerke braucht es also wirklich gute Gründe – billiger Strom kann es nicht sein.
In der Nische sehe ich Potenzial:
* großangelegte Wärmeversorgung von Industrieparks
* Meerwasserentsalzung
* Wasserstoff-Produktion.
Aber im Grunde gilt auch hier: Es gibt bereits erneuerbare Alternativen.
Ich glaube nach dieser Recherche, dass wir Kernfusion und Klimakrise voneinander trennen müssen. Wir tun beiden Unrecht, wenn wir sie gemeinsam behandeln.
Denn Kernfusion ist eine faszinierende Technologie, die uns aber absehbar in der Klimakrise nicht weiterhilft.
In meinem Artikel gehe ich noch tiefer ins Detail und berichte u.a. von dem 14-Jährigen, der mal eben Atomkerne fusionierte, erzähle von meinem Besuch beim Fusionsreaktor in Greifswald und zeige, warum die Erfolgsmeldung der letzten Jahre irreführend war
Ich werde weiter zur Kernfusion recherchieren.
Ich schreibe einen Deep Dive zu den technischen Konzepten und Hürden.
Arbeitstitel: „Warum zur Hölle ist Kernfusion so schwer?“
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@grimm Cooler Artikel. Aber es gibt vielleicht einen guten Grund zum Einsatz der Kernfusion, falls diese in 50 Jahren oder so bereit sein wird: Das Artensterben.
Fusionskraftwerke könnten möglicherweise umweltschonender sein als die erneuerbaren Energien.
Denn auch die riesigen Flächen für erneuerbare Energien sind keine Naturflächen, die wir brauchen werden, um das Artensterben aufzuhalten.
@herdsoft Wichtiger Aspekt, Platzbedarf taucht ja auch auf im Text
@herdsoft @grimm Würd ich nicht so schwarz und weiß sehen, erneuerbare Energien können grundsätzlich sogar biodiversitätsfördernd sein. Freiflächen-Photovoltaik mit einigermaßen wild wachsender Wiese drumherum ist um einiges wertvoller als eine konventionelle Landwirtschafts-Monokultur. ich denke das ist eher eine philosophische Frage: wollen wir mehr in Richtung naturverträgliche Doppelnutzung, oder wollen wir unberührte Naturflächen neben möglichst effizient genutzten Industrieflächen.
@karlbit @grimm Die erneuerbaren Technologien sind die umweltfreundlichste Art der Energiegewinnung, die wir im Moment kennen.
Ich habe selbst PV-Freiflächenanlagen besichtigt, mit einer Wiese darunter, die von Schafen beweidet wird. Das ist *viel* besser als Energiemais oder Holz zu verbrennen. Würde man die ganzen Flächen für Energiepflanzen für PV nutzen, so könnte man ein Vielfaches der Energiemenge produzieren 1/2
@karlbit @grimm Windkraftanlagen Windkraftanlagen beeinflussen die Umwelt weit über ihren Flächenbedarf hinaus. Siehe hier z.B. von den Scientists 4 Future Osnabrück:
Dass wir die Windkraftwerke brauchen und dass sie viel besser sind als die Alternativen (incl AKW) bedeutet nicht, dass sie keine Folgen hätten.
Die Kernfusion könnte *vielleicht* eine geringeren Umweltschaden verursachen als PV und Windkraft, das ist jetzt noch nicht abzusehen. 2/2
@herdsoft Ähem, wenn ich die einschlägigen Berichte richtig verstanden habe, sind die Ursachen des aktuellen Massenaussterben: Wälder abholzen, Landwirtschaft (Monokulturen, Pestizide), Schad- aka Giftstoffe aus Verkehr und Industrie, versiegelte Fläche ohne Natur und als Barriere zwischen Naturräumen, Mikroplastik und Erderhitzung.
Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.
Der Bedarf für Erneuerbare ist da vergleichsweise gering und eher gut in Naturräume integrierbar. @VQuaschning hatte da eine Grafik in seinem Vortrag. Die Mär vom Vogelsterben ist auch gut widerlegt.
Photovoltaik, auch 2% Sollfläche, kann und sollte bevorzugt auf bereits belegter Fläche installiert werden. Da wo die Energie gebraucht wird. Jede Menge Dächer, Parkplätze, etc. Agrosolar, ein ganz heisses Thema bei heisser werdenden Sommern. Der zusätzliche Flächenbedarf ist also geringer.
Fusionskraftwerke hingegen kochen letztlich auch nur (mit) Wasser. Buchstäblich. Heisst: 66% Abwärme, die irgendwo hin muss. In der Regel: Flusswasser - was wir ja zunehmend weniger haben. Großreaktoren erzeugen ein eigenes Mikroklima, beeinflussen die Wolkenbildung, usw., sind also durchaus nicht umweltschonend.
Mal ausrechnen: Wir haben aktuell einen fossilen Energieträgerverbrauch von ~2500 TWh/a. Selbst mit Vollelektrifizierung, eMobilität und Wärmepumpenheizung wird das nicht viel weniger. Mal optimistisch mit 2000 TWh/a gerechnet und pro FusionsKW mit der doppelten Leistung heutiger AKWs, nämlich 20 TWh/a statt 11, wären allein in D 100 Fusionsgroßkraftwerke nötig. Nach heutigem Energiebedarf. Bei kleineren Kraftwerken entsprechend mehr.
100 Standorte mit einer stetigen (=365*24) Wärme- und Wolkenabgabe von >3 GW. Das würde ich gerne mal in den Wettermodellen sehen. Wind und PV hingegen sind in diesem Punkt vernachlässigbar.
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BiBesch: Eine Karte zeigt Deutschland. 9% Fläche sind mit Siedlungen belegt, 5% mit Verkehr, 2% sollen für Windkraft belegt werden, aber die eigentliche Bodenfläche beträgt nur 0,007% für die Fundamente. Der restliche „Flächenbedarf“ ist weit oben, nämlich Durchmesser und technisch notwendiger Abstand der Propeller.
@jaddy @VQuaschning Meine Aussage war ja auch nicht, dass wir jetzt PV und Windkraft lassen sollten (ganz im Gegenteil), sondern dass die Kernfusion evtl. durch den geringeren Flächenverbrauch noch umweltschonender sein könnte.
Beim Flächenverbrauch von Windkraft sind auch die Zuwegungen zu berücksichtigt werden.
Ab 36:00 zum Flächenbedarf.
Ab 32:00 langfristiger Druck auf Arten .
@herdsoft @grimm Rahmstorf hatte das mal überschlagen, wenn unser Primärenergiebedarf weiter steigt und wir den mit Fusion decken wollen, dann heizen wir den Planeten immer weiter auf und irgendwann wird das spürbar. Das spielt bisher noch kaum eine Rolle. Mit Erneuerbaren gibt es das nicht, weil die Energie dem System entnommen wird.
https://fediscience.org/@rahmstorf/109519012343008891
Aber das basiert auf der Annahme eines exponentielles Anstiegs der Energienutzung für Jahrhunderte.
Das Problem tritt also erst auf, wenn die Energienutzung so hoch ist, wie man sie aus erneuerbaren Energien sowieso nicht erhalten könnte.
Das 10-Fache der Energienutzung von Heute wären demnach 0,2°C globale Erwärmung.
Das spricht nicht eigentlich gegen die Kernfusion, sondern gegen die Vorstellung vom ewigen Wachstum.